— Du verstehst doch, dass das der Anfang vom Ende ist? — fragte Nina leise, ohne den Blick von der Tasse mit dem inzwischen kalt gewordenen Tee zu lösen.
— Sie hat wieder angerufen?
— Hat sie, — antwortete Maxim dumpf.
Er saß ihr gegenüber, zusammengesunken, als hätte man ihm einen Sack mit nassem Sand auf die Schultern gelegt.
— Sie sagte, sie packt schon ihre Sachen.
— Wie bitte, packt?
In Koffer?
— In Kisten, Nina.
In riesige Kartons.
Sie sagte, das „Madonna“-Service nimmt sie ins Handgepäck, damit die Möbelpacker es nicht zerschlagen.
Nina hob langsam den Blick zu ihrem Mann.
— Und du hast geschwiegen? — ihre Stimme war ruhig, professionell ausdruckslos, genau in dem Ton, mit dem sie gewöhnlich Zeugen befragte, doch Maxim wusste: In ihrem Inneren tobte gerade ein Feuer.
— Ich habe es versucht, — der Mann fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
— Ich habe ihr gesagt, dass unsere Renovierung noch nicht abgeschlossen ist.
Dass du Ruhe brauchst.
Und dass wir einfach zu wenig Platz haben.
— Und sie?
— Und sie antwortete: „In der Enge lebt es sich trotzdem ohne Kränkung.“
Und dann fügte sie hinzu, dass, wenn wir dagegen seien, dann … — Maxim stockte.
— Dann was?
Sprich weiter.
— „… soll deine Frau die Wohnung räumen“, — stieß er aus.
Nina lächelte bitter.
— Wie entzückend.
Das heißt, ich bin hier jetzt ein überflüssiges Element.
Dieses Gespräch wurde zum Punkt ohne Wiederkehr, doch die Wurzeln des Problems reichten viel tiefer, in die schwarze Erde jenes Dorfes, in dem das solide Backsteinhaus von Maxims Eltern stand.
Maxim arbeitete als Brandschutzinspektor.
Seine Arbeit bestand darin, Räume zu betreten, Verstöße zu suchen, abgelaufene Feuerlöscher, blockierte Notausgänge, und Anordnungen auszustellen.
Er konnte Gefahr dort erkennen, wo andere nur einen Haufen alter Möbel oder eine mit Ölfarbe überstrichene Tür sahen.
Doch wie das bei Fachleuten oft der Fall ist, blieb „der Schuster ohne Schuhe“.
Die Gefahr in der eigenen Familie hatte er übersehen oder vielmehr bewusst nicht wahrhaben wollen, in der Hoffnung, dass alles schon gutgehen würde.
Nina dagegen stammte aus einer anderen Welt.
Die Abteilung zur Kontrolle des Drogenhandels ist kein Ort für Sentimentalität.
Sie beschäftigte sich mit Analysen, verfolgte Lieferketten, verglich Fakten miteinander.
Sie musste nicht mit der Pistole durch Drogenhöhlen rennen, ihre Waffen waren Logik und die Fähigkeit, die Struktur einer Lüge zu erkennen.
Und die Lüge in den Worten ihrer Schwiegermutter, Tamara Pawlowna, spürte sie meilenweit, so wie ein Diensthund verbotene Stoffe im doppelten Boden eines Koffers wahrnimmt.
Die Wohnung, in der sie lebten — eben jene Zweizimmerwohnung in einem Schlafviertel — gehörte formal Tamara Pawlowna.
Maxims Vater, Onkel Wiktor, wie Nina ihn nannte, war ein sanfter, fleißiger und unendlich müder Mensch.
Sein ganzes Leben hatte er darauf verwendet, im Dorf ein Haus zu bauen, „das Familiennest“, wie er gern sagte.
Die Wohnung in der Stadt hatte er noch zu Sowjetzeiten vom Betrieb bekommen, privatisiert, aber er wollte dort nicht leben.
Es zog ihn zur Erde.
Vor fünf Jahren, als Maxim und Nina heirateten, überreichte Onkel Wiktor seinem Sohn die Schlüssel mit den Worten: „Lebt hier, mein Sohn.
Deine Mutter und ich haben dort nichts verloren, wir gehören an die frische Luft.“
Er starb vor einem halben Jahr.
Herzversagen.
Er fiel einfach im Gemüsegarten um, den Stiel der Schaufel noch in der Hand.
Die Ärzte sagten: Verschleiß.
Nina jedoch war überzeugt, dass ihn nicht die Arbeit zugrunde gerichtet hatte, sondern das ständige, monotone, zermürbende Nörgeln seiner Frau.
Tamara Pawlowna war eine massige, laute und herrische Frau.
Sie sprach nicht, sie verkündete.
Sie bat nicht, sie verlangte.
Nach dem Tod ihres Mannes blieb sie allein in dem Haus zurück.
Nina und Maxim kamen an den Wochenenden, halfen ihr und brachten Lebensmittel mit.
Es schien, als habe sich das Leben eingependelt.
Und jetzt — dieser Anruf.
— Hör zu, Max, — Nina stand auf und trat ans Fenster.
Über der Stadt verdichtete sich bereits die Dämmerung.
— Wir haben gerade erst das Kinderzimmer fertig gemacht.
Wir haben diese Tapeten zwei Tage lang geklebt.
Ich habe einen Monat lang das Kinderbett ausgesucht.
Dort ist alles für das Baby bereit.
Wo sollen wir sie hinlegen?
Im Flur auf den Teppich?
— Sie sagt, dass ihr allein langweilig ist, — Maxim trat hinter sie, wagte es aber nicht, sie zu umarmen.
— Sie sagt, im Dorf sei es todlangweilig, es gebe niemanden zum Reden.
Und dass sie das Recht habe, im Alter „für sich selbst“ in einer Stadtwohnung mit allem Komfort zu leben.
— Sie ist zweiundsechzig, Maxim!
Was für ein Alter?
Sie kann noch Wasser auf dem Rücken schleppen.
Und das Haus … Das ist ein ausgezeichnetes Haus.
Gas, Wasser, Internet — wir haben ihr alles angeschlossen.
Was fehlt ihr denn?
— Aufmerksamkeit, — brummte Maxim.
— Sie braucht Zuschauer.
Nina drehte sich abrupt um.
— Nein, mein Lieber.
Sie braucht keine Zuschauer.
Sie braucht Opfer.
In diesem Moment vibrierte Maxims Telefon auf dem Tisch erneut.
Auf dem Display stand: „MAMA“.
Maxim sah den Bildschirm an, als wäre es ein Zünder mit Countdown.
— Geh ran, — sagte Nina hart.
— Und mach laut.
Ich will dieses Theater hören.
Maxim drückte auf den Knopf.
— Ja, Mama.
— Maximchen! — die Stimme von Tamara Pawlowna füllte selbst durch den Lautsprecher die kleine Küche vollständig aus.
In ihr war kein Tropfen altersbedingter Schwäche, nur der Druck eines Eisbrechers.
— Ich habe das hier mit Ludka besprochen, sie sagt, für Mittwoch kann man einen Lastwagen bestellen.
Also bereitet euch vor.
Und hör mal, sag deiner Frau, sie soll den Schrank im großen Zimmer ausräumen.
Komplett.
Ich habe Klamotten wie Sand am Meer.
— Mama, warte mal, — Maxim runzelte die Stirn und sah seine bleich gewordene Frau an.
— Welcher Schrank?
Im großen Zimmer schlafen wir.
— Dann stellt das Bett eben ins kleine Zimmer, was ist denn schon dabei?
— Im kleinen Zimmer ist das Kinderzimmer, Mama!
Da stehen ein Kinderbett und eine Kommode, da ist kein Platz!
— Ach, verschon mich doch! — schnaubte die Stimme aus dem Hörer.
— Euer Kind ist noch nicht einmal geboren, und ihr richtet ihm schon herrschaftliche Gemächer ein.
Die Wiege kommt in die Ecke, und gut ist.
Ich bin doch schließlich die Hausherrin oder wer?
Auf wen sind denn die Papiere für die Wohnung ausgestellt, hm?
Schon vergessen, mein Sohn?
Maxim drückte das Telefon fester zusammen.
— Wir haben die Renovierung auf uns zugeschnitten.
Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht in die Stadt ziehen wirst.
— Was interessiert mich, was ich vor einem Jahr geredet habe!
Die Situation hat sich geändert.
Genug jetzt, Maxim, geh mir nicht auf die Nerven.
Mein Blutdruck springt.
Mittwoch, morgens.
Und sorgt dafür, dass Pfannkuchen da sind, mit Fleisch.
Ludka schickt das Rezept, falls deine Frau es nicht kann.
Dann kamen nur noch die Freizeichen.
Nina setzte sich schweigend wieder auf den Stuhl.
— Ludka, — sagte sie langsam.
— Deine Tante.
Die Schwester deiner Mutter.

— Ja, Tante Ljuda.
Sie wohnt im Nachbardorf.
— Daher weht also der Wind, — Nina kniff die Augen zusammen, und in ihrem Blick erschien jener Ausdruck, der auftauchte, wenn sie in den Aussagen eines Drogendealers einen Widerspruch entdeckt hatte.
— Deine Mutter hat nie selbst Entscheidungen getroffen.
Onkel Wiktor war ein Puffer, und jetzt ist er weg.
Jetzt wird ihr Kopf von deiner Tante gesteuert.
— Wozu braucht Tante Ljudа das?
— Ich weiß es nicht.
Aber wir werden es herausfinden.
Und bis dahin … — Nina legte eine Hand auf ihren noch kleinen Bauch.
— Ich werde nicht zulassen, dass man hier einen Durchgangshof einrichtet.
MAXIM, du musst das stoppen.
Die Versuche, Tamara Pawlowna aufzuhalten, erinnerten an das Löschen eines Waldbrandes mit einer Spielzeuggießkanne.
Maxim fuhr zweimal ins Dorf.
Beide Male kehrte er grau im Gesicht zurück, mit dem Geruch von Korvalol und billigem Parfüm in der Nase, mit dem seine Mutter sich großzügig überschüttete.
Die Gespräche wollten nicht gelingen.
— Versteh doch, Mutter, — versuchte Maxim ihr auf der Veranda des Elternhauses zu erklären.
— Wir haben eine Zweizimmerwohnung.
Die Zimmer sind miteinander verbunden.
Das Kind wird weinen.
Nachts wird keiner schlafen können.
Tamara Pawlowna, die in einem Korbsessel thronte wie eine Kaufmannsfrau auf einem Gemälde von Kustodijew, knackte Sonnenblumenkerne und spuckte die Schalen direkt auf den frisch gewischten Boden.
— Na und?
Bin ich taub?
Dann stecke ich mir eben Ohrstöpsel rein.
Verdreh mir hier nicht die Zähne mit deinem Gerede.
Mir ist es hier langweilig.
Die Nachbarin, Galka, ist gestorben, Gott hab sie selig.
Mit wem soll ich denn jetzt quatschen?
Mit den Hühnern?
— Such dir ein Hobby.
Melde dich in einem Klub an.
— Hör mal, du Klugscheißer! — die Mutter verengte plötzlich boshaft die Augen.
— Wie redest du mit deiner Mutter?
Habe ich dir die Wohnung verschafft?
Habe ich.
Dein Vater hat sich kaputtgeschuftet, und du lebst jetzt wie ein Herr und willst die Mutter nicht einmal über die Schwelle lassen?
Eine Schande.
Ljudka hatte recht, du bist ein Pantoffelheld.
Diese deine Tussi aus der Behörde hat dich bestimmt aufgestachelt, was?
— Nina hat damit nichts zu tun.
Es ist einfach eine Frage des gesunden Menschenverstands.
Es wird eng.
Für alle.
— Ich stelle dir ein Ultimatum, Maxim, — Tamara Pawlowna klopfte die Schalen von ihren Händen und stand auf.
Ihre massige Gestalt verdeckte die Sonne.
— Entweder ihr nehmt mich anständig auf, mit Respekt, gebt mir das große Zimmer, und wir leben als eine große glückliche Familie … Oder deine Ninka packt ihre Klamotten und verschwindet in alle vier Himmelsrichtungen.
Und du bleibst, wenn du nicht dumm bist, bei deiner Mutter.
Sonst seid ihr schon wie die Besatzer, die sich überall vermehren.
— Was redest du da?
Das ist meine Frau!
Sie trägt dein Enkelkind!
— Das Enkelkind muss man erst einmal sehen, von wem es ist, — warf die Mutter böse hin.
— Vielleicht hat sie es sich bei ihren Einsätzen eingefangen.
Wir kennen diese Polizistinnen doch.
Maxim stand damals einfach auf und ging, ohne sich zu verabschieden.
Das war zu viel gewesen.
Der Dreck, mit dem seine Mutter um sich warf, überschritt alle Grenzen.
Im Auto rief er seine Tante, Ljudmila Pawlowna, an.
— Tante Ljuda, warum hetzen Sie meine Mutter auf?
Warum muss sie in die Stadt?
Sie hat doch hier ein Haus, einen Garten, frische Luft!
Die Stimme seiner Tante war honigsüß, zäh wie Sirup, in den Rattengift gemischt worden war.
— Maximschka, warum regst du dich denn so auf?
Deiner Mutter fällt es schwer, allein zu sein.
Das Alter, die Krankheiten.
Sie braucht Pflege, Aufsicht.
Und ihr seid in der Stadt, dort sind Ärzte, der Notarzt ist auch da.
Du bist doch kein Unmensch, der seine Mutter im Stich lässt?
Und das Haus … Das Haus bleibt eben stehen, was soll ihm schon passieren?
Wir schließen es ab, und das war’s.
— Sie verlangt, dass Nina auszieht, wenn es uns nicht passt.
Ist das normal?
— Ach, das hat sie nur im Zorn gesagt, — kicherte die Tante.
— Ihr Charakter ist eben Feuer, das weiß ich doch selbst.
Gib einfach nach, mein Sohn.
Ehre ihr Alter.
Räumt das Zimmer frei, deine Nina werkelt ein bisschen in der Küche, bringt Tee, und dann wird sich alles einrenken.
Das Wichtigste ist, nicht zu widersprechen.
Maxim legte auf.
In seinem Kopf setzte sich ein Bild zusammen, das ihm ganz und gar nicht gefiel.
Die Tante spielte eindeutig irgendein Spiel, und seine Mutter war ihr Rammbock.
Als er nach Hause kam, fand er Nina auf dem Boden des Kinderzimmers sitzen.
Sie strich mit der Hand über den an die Wand gemalten Teddybären.
— Sie gibt nicht nach, oder? — fragte seine Frau, ohne sich umzudrehen.
— Nein.
Sie sagte … — Maxim stockte, weil er die Widerlichkeiten über das „untergeschobene“ Kind nicht wiederholen wollte.
— Sie sagte, dass sie am Mittwoch kommt.
Punkt.
— Juristisch gehört die Wohnung ihr, — stellte Nina trocken fest.
— Wir sind hier nur Bewohner auf sehr unsicherem Boden.
Sie kann einen Polizeibeamten holen und mich hinauswerfen.
Dich vielleicht nicht, du bist doch sicher hier gemeldet?
Ja, du bist gemeldet.
Ich nicht.
— Ich werde dich nicht rauswerfen, Nina!
Was redest du da!
— Du nicht.
Sie schon.
Sie wird mein Leben zur Hölle machen, Maxim.
Ich kenne solche Menschen.
Energievampire.
Sie braucht einen Skandal zum Frühstück, eine Hysterie zum Mittagessen und Tränen von jemandem zum Abendbrot.
Ich kann meine Schwangerschaft nicht riskieren.
Ich habe ohnehin schon Spannungen.
Nina stand auf.
Ihr Gesicht war entschlossen.
— Ich werde nicht mit ihr zusammenleben.
Nicht einen Tag.
Ich wusste, dass dieser Tag kommen könnte, aber ich hätte nicht gedacht, dass so bald.
— Und was schlägst du vor? — fragte Maxim ratlos.
— Wir gehen.
— Wohin?
Nina, du kennst die Mietpreise doch selbst.
Wir haben ohnehin schon fast alles für den Autokredit und die Renovierung ausgegeben.
— ES GIBT IMMER MÖGLICHKEITEN, — schnitt Nina ihm das Wort ab.
— Man muss nur suchen.
Die Lösung fand sich unerwartet schnell, dank Maxims Beruf.
Die Bruderschaft der Feuerwehr ist eine starke Sache.
Am nächsten Tag erzählte er seinem Kollegen Dimka von seinem Problem.
— Das kann doch nicht dein Ernst sein, Max! — Dimon, ein großer rothaariger Kerl, hätte beinahe sein Butterbrot fallen lassen.
— Die eigene Mutter vertreibt den Sohn aus der Wohnung?
Was für ein Wahnsinn.
— Nicht direkt vertreiben … Sie will einfach mit uns zusammenleben.
In unserem Schlafzimmer.
Und uns ins Kinderzimmer stecken.
— Bruder, das ist klinisch.
Hör zu … — Dimon dachte nach.
— Meine Mutter ist doch vor einem halben Jahr zu meiner Schwester nach Petersburg gezogen, um die Enkel zu hüten.
Ihre Wohnung, ein Chruschtschow-Bau am Stadtrand, steht leer.
Sie hat Angst, sie an Fremde zu vermieten, sagt, sie würden alles verwüsten, diese verdammten Drogenabhängigen oder Alkoholiker.
Aber dir vertraut sie.
Du hast mir damals auf dem Lagergelände das Leben gerettet.
Maxim erinnerte sich an diesen Brand.
Er erinnerte sich daran, wie er Dimon unter einem eingestürzten Balken hervorgezogen hatte.
— Dim, das wäre unsere Rettung.
Aber wir haben im Moment kaum Geld.
— Du beleidigst mich!
Zahl die Nebenkosten und gieß die Blumen.
Na gut, vielleicht noch ein paar Tausend obendrauf, rein symbolisch, für Mama, damit sie sich Bonbons kaufen kann.
Ich rede mit ihr.
Am Abend war die Sache geregelt.
Wera Igorewna, eine herzensgute Frau, hörte sich die Geschichte am Telefon an und seufzte nur: „Ach, ihr jungen Leute, ach, unser Los … Natürlich könnt ihr dort wohnen.
Maxim ist ein goldener Junge, er wird nichts kaputtmachen.“
Die nächsten zwei Tage vergingen in fieberhaften Vorbereitungen.
Nina packte schweigend die Sachen ein.
Bücher, Geschirr, Kleidung.
Am schwersten war es, das Kinderzimmer abzubauen.
Die Vorhänge mit den fröhlichen Elefanten abzunehmen, das nagelneue Kinderbett auseinanderzubauen, das Maxim mit so viel Liebe zusammengeschraubt hatte, tat körperlich weh.
— Es ist nicht schlimm, — flüsterte Maxim, während er mit dem Akkuschrauber hantierte.
— Das ist nur vorübergehend.
Wir werden uns etwas einfallen lassen.
Wir nehmen irgendwann eine Hypothek auf.
— Mit deinem Gehalt und meinem Mutterschaftsurlaub? — bemerkte Nina skeptisch, während sie das Mobile mit den Spielzeugen in Zeitungspapier wickelte.
— Nicht jetzt.
Aber wir schaffen das.
Hauptsache, weit weg von dieser …
Sie bemühten sich, keinen Lärm zu machen, damit die Nachbarn Tamara Pawlowna nicht vorzeitig Bescheid sagten.
Obwohl sie wahrscheinlich ohnehin überall Ohren hatte.
Bis Dienstagabend war die Wohnung leer.
Zurück blieben nur die Möbel, die der Mutter gehörten — jedenfalls ihrer Meinung nach — als Teil des „Wohnungserbes“, obwohl vieles Maxim und Nina selbst gekauft hatten.
Sie beschlossen, sich nicht an Kleinigkeiten festzuklammern.
Sie nahmen nur die Technik, die persönlichen Sachen und alles fürs Kind mit.
Die Zweizimmerwohnung, die gestern noch gemütlich gewesen war und nach Kaffee gerochen hatte, stand nun hohl und fremd da.
Das Echo ihrer Schritte schlug von den nackten Wänden zurück.
Im Kinderzimmer war auf den frischen Tapeten nur noch ein heller rechteckiger Fleck dort zu sehen, wo die Kommode gestanden hatte.
— Lässt du die Schlüssel auf dem Tisch? — fragte Nina.
— Nein, — sagte Maxim fest.
— Ich werde sie empfangen.
Ich muss sie ihr persönlich in die Hand geben.
Ich renne nicht davon.
Ich gehe.
Das sind zwei verschiedene Dinge.
— Ich bleibe nicht hier, um sie zu empfangen.
— Und das musst du auch nicht.
Dimon hilft uns heute Abend beim Umzug.
Fahr mit ihm.
Richte dich ein.
Und ich bleibe hier auf einer Luftmatratze über Nacht und empfange „Maman“.
Nina trat zu ihm und umarmte ihren Mann fest.
— Du bist der Beste.
Verzeih, dass ich dich in diesen Umzug hineingezogen habe.
— Nein, du verzeih mir.
Dafür, dass ich unser Zuhause nicht schützen konnte.
— Zuhause ist dort, wo wir sind, — sagte sie und lächelte zum ersten Mal seit Tagen.
— Und hier ist jetzt nur noch eine Betonbox.
Als Dimons kleiner Lastwagen vom Hauseingang wegfuhr, kehrte Maxim in die leere Wohnung zurück.
Er ging durch die Zimmer.
In der Luft lag noch immer der kaum wahrnehmbare Duft von Ninas Parfüm.
Morgen würde es hier nach Mottenkugeln und verbrannten Zwiebeln riechen.
Er zog das Telefon hervor und schrieb eine Nachricht: „Ich warte.
Komm.“
Der Mittwoch begann mit einem Klingeln an der Gegensprechanlage.
Scharf, fordernd, lang.
Maxim öffnete die Tür.
Auf der Schwelle stand Tamara Pawlowna.
In einem leuchtend bunten Mantel, mit einer Dauerwelle auf dem Kopf, erinnerte sie an einen Eisbrecher, der in den Hafen eingelaufen war.
Hinter ihr keuchte ein schmächtiger Fahrer die Treppe hinauf, beladen mit riesigen karierten Taschen — dem Traum jeder Händlerin aus den Neunzigern.
— Na, begrüß deine Mutter! — bellte sie, während sie in den Flur stapfte.
— Warum ziehst du so ein saures Gesicht?
Wo ist das Orchester?
Wo sind Brot und Salz?
Wo ist deine Nina?
Klappert sie in der Küche am Herd?
Maxim stand, an den Türrahmen zur Küche gelehnt.
Er war ruhig.
Mit der Ruhe eines Menschen, der bereits alles entschieden hatte.
— Guten Tag, Mama.
Komm rein.
Tamara Pawlowna streifte die Schuhe ab und sah sich herrisch um.
— Oh, hier ist es wenigstens sauber.
Gut gemacht, deine Ninka hast du ordentlich abgerichtet.
— Sie ging ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen.
— Puh, ich bin völlig erledigt.
Die Fahrt war schrecklich, ich bin ganz durchgeschüttelt.
Hör mal, gib dem Fahrer fünfzig extra, er hat beim Hochtragen geholfen.
Dann sah sie sich genauer um und runzelte die Stirn.
— Warum ist es hier so leer?
Wo ist der Fernseher?
Wo ist die Stereoanlage?
— Den Fernseher haben wir gekauft.
Wir haben ihn mitgenommen.
Tamara Pawlowna erstarrte.
Ihre Augen wurden langsam größer.
— Wie bitte, mitgenommen?
Wohin mitgenommen?
Zur Reparatur?
— Nein, Mama.
In unsere neue Wohnung.
— Was für eine neue Wohnung? — sie richtete sich halb auf.
— Was redest du da?
Maxim ging langsam zum Küchentisch, nahm den Schlüsselbund und legte ihn vor seiner Mutter auf den Couchtisch.
Klirr.
— Du hast eine Bedingung gestellt, — sagte er klar und deutlich.
— „Ich ziehe zu euch, und wenn ihr dagegen seid, soll deine Frau die Wohnung räumen.“
Wir haben dich gehört.
Nina hat die Wohnung geräumt.
Und ich mit ihr.
— Du … du lässt mich im Stich? — zischte Tamara Pawlowna.
— Deine eigene Mutter?
Wegen dieser … dieser …
— Wegen meiner Familie.
Wegen meiner Frau und meines Kindes.
Du wolltest hier wohnen?
Dann wohn hier.
Die ganze Wohnung gehört dir.
Zwei Zimmer.
Küche.
Bad.
Genieß die Weitläufigkeit.
Niemand wird dich stören.
— Und wer soll für mich kochen?
Wer soll sauber machen?
Ich bin krank!
Ich habe Rücken!
— Du hast gesagt, dass dir langweilig ist und du Gesellschaft brauchst.
Ich denke, die wirst du finden.
Du bist schließlich eine sehr gesellige Frau.
Er drehte sich um und ging zur Tür.
— Stehenbleiben! — schrie die Mutter und sprang auf.
— STEHENBLEIBEN, HABE ICH GESAGT!
Du wirst es nicht wagen!
Komm sofort zurück!
Ich befehle es dir!
DU BENGEL!
Maxim blieb an der Tür stehen und zog seine Schuhe an.
Seine Hände zitterten nicht.
Er spürte eine merkwürdige Leichtigkeit.
— Ich habe Lebensmittel im Kühlschrank gelassen.
Für ein paar Tage reicht es.
Danach kümmerst du dich selbst.
Du bekommst eine Rente.
Die Rechnungen für die Nebenkosten kommen in den Briefkasten.
Vergiss nicht zu zahlen, sonst drohen Mahngebühren.
— Maximchen! — plötzlich wurde der Ton der Mutter weinerlich.
— Mein Sohn!
Meinst du das wirklich ernst?
Wie soll ich denn hier allein klarkommen?
In der großen Stadt?
Ich finde hier doch nicht einmal ein Geschäft!
— Du wirst es finden.
Tante Ljuda wird es dir erklären, sie weiß doch alles.
— Was hat denn Ludka damit zu tun! — kreischte sie.
— Das ist meine Wohnung!
Ich werde hier mit meinem Sohn leben!
— Nein.
Mit deinem Sohn wirst du nicht leben.
Du hast alles getan, damit dein Sohn hier nicht lebt.
Er öffnete die Tür.
— VERSCHWINDE! — schrie sie plötzlich, verfiel in Kreischen und benutzte genau jenen Jargon, den Nina so sehr verabscheute.
— Verzieht euch, ihr verkauften Kreaturen!
Ihr werdet noch angekrochen kommen!
Wenn ihr Hunger habt, werdet ihr angekrochen kommen!
Ich lasse euch, Mistkerle, ohne einen Pfennig zurück!
Ich streiche euch aus dem Erbe!
Ihr werdet als Obdachlose enden!
— Mach’s gut, — sagte Maxim leise und schlug die Tür hinter sich zu.
Das Klicken des Schlosses schnitt den Fluchstrom ab.
—
Die ersten paar Tage hielt sich Tamara Pawlowna mit purer Wut auf den Beinen.
Sie stolzierte wie eine Königin durch die Wohnung, trank Tee aus einer feinen Tasse und schimpfte laut vor sich hin über den undankbaren Sohn und die „listige Schlange“.
Sie rief ihre Schwester Ljudmila an.
— Stell dir vor, Ludka, sie sind verschwunden!
Haben einen Tobsuchtsanfall bekommen!
Sind weg!
— Dann sind sie eben Dummköpfe, — pflichtete Ljudmila ihr bei.
— Sollen sie doch herumirren und sich in Mietwohnungen quälen, das Geld wird ihnen schon ausgehen, und dann kommen sie geschniegelt zurück.
Und du genieß in der Zwischenzeit dein Leben.
Stadt, Zivilisation!
Doch genießen ließ sich nichts.
Die Stadt draußen vor dem Fenster rauschte mit einem fremden, feindseligen Leben.
Die Nachbarn auf dem Treppenabsatz grüßten nicht, sondern eilten ihren eigenen Angelegenheiten nach.
Im Laden fuhr die Kassiererin Tamara grob an, als sie mit der Karte zu lange herumhantierte.
Die Wohnung, die in ihren Träumen so begehrenswert gewesen war, entpuppte sich als Falle.
Ohne die Sachen des Sohnes und der Schwiegertochter wirkte sie tot.
Die leeren Regale fletschten nur noch ihren Staub.
Im Kinderzimmer, jenem Raum mit den rosa Tapeten und den gemalten Bären, war es besonders unheimlich.
Tamara betrat den Raum nur ein einziges Mal, sah den hellen Fleck auf dem Boden, wo das Kinderbett gestanden hatte, und öffnete die Tür danach nie wieder.
Es schien ihr, als blickten die gemalten Tiere sie vorwurfsvoll an.
Nach einer Woche wurde aus Wut Angst.
Das Geld schmolz dahin.
Die Preise in der Stadt waren bissig.
Für sich allein zu kochen war mühselig, und es schmeckte ohnehin nicht so gut wie bei Nina, auch wenn Tamara das niemals zugegeben hätte.
Der Rücken begann vom weichen Sofa zu schmerzen.
Sie versuchte, Maxim anzurufen.
„Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.“
Dann rief sie von einer anderen Nummer an.
„Das Gerät des Teilnehmers ist eingeschaltet, aber er will nicht mit Ihnen sprechen“, meinte sie in den Signalen zu hören.
In Wirklichkeit hatte Maxim sie einfach auf die schwarze Liste gesetzt.
Zum ersten Mal in seinem Leben.
Die Einsamkeit legte sich wie eine Betonplatte auf sie.
Die Stille in der Wohnung klingelte in den Ohren.
Abends saß sie im Dunkeln, aus Angst, das Licht einzuschalten — Sparsamkeit! — und lauschte darauf, wie irgendwo ein Wasserhahn tropfte.
„Ich muss zurück“, beschloss sie nach zwei Wochen.
„Zum Teufel mit dieser Stadt.
Zu Hause habe ich wenigstens den Garten, wenigstens Galka … ach nein, Galka ist ja tot.
Na gut, ich finde schon jemanden.“
Sie wählte die Nummer ihrer Schwester.
— Ludka, hör zu.
Ich habe hier die Nase voll.
Es ist stickig.
Ich fahre zurück.
Bestell fürs Wochenende ein Auto.
Am anderen Ende herrschte plötzlich Schweigen.
Lang, zäh, drückend.
— Lud?
Hörst du mich?
— Ich höre dich, Toma … — die Stimme der Schwester hatte sich verändert.
Die Honigsüße war verschwunden, stattdessen war da Stahl und irgendein dreister Spott.
— Aber wohin willst du denn zurück?
— Wie wohin?
Nach Hause!
Nach Pokrowka!
— Ähm … also, Toma, da ist so eine Sache.
Du hast mir doch die Schlüssel dagelassen?
Hast du.
Du hast gesagt: „Pass auf alles auf.“
Na, und ich habe aufgepasst.
— Was redest du da für einen Unsinn?
— Ich habe dein Haus vermietet, Toma.
— AN WEN?! — Tamara Pawlowna setzte sich neben den Stuhl, direkt auf den Boden.
— Da sind Bauern gekommen, Armenier, glaube ich, oder Aserbaidschaner, ich kenne da keinen Unterschied.
Sie brauchten eine Unterkunft für ihre Brigade.
Gute Leute, sie haben für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt.
Ich habe den Vertrag mit Vollmacht unterschrieben, erinnerst du dich?
Du hattest mir doch vor drei Jahren eine Generalvollmacht gegeben, als du dir das Bein gebrochen hattest.
Damit ich deine Rente für dich abholen konnte?
— Du … du hast mein Haus an irgendwelche Fremden vermietet?!
Ohne mich zu fragen?!
— Nun ja, warum sollte das Gute denn ungenutzt herumstehen? — erklärte Ljudmila frech.
— Du bist doch in die Stadt gefahren, um wie eine Dame zu leben.
Du hast selbst gesagt: „Mein Fuß wird dort nie wieder einen Schritt hineinsetzen.“
Und das Geld habe ich behalten.
Für die Mühe.
Und als moralischen Schadensersatz dafür, dass ich dir jahrelang deine Rotznase abgewischt habe.
— Ludka!
Du Miststück!
Raus mit ihnen, sofort!
Ich komme!
— Das wird nicht funktionieren, meine Liebe.
Der Vertrag ist offiziell.
Die Vertragsstrafe ist riesig.
Und die Jungs sind ernst zu nehmen, sie haben schon Geräte in den Hof gebracht und bauen Gewächshäuser auf.
Misch dich da lieber nicht ein, Toma.
Mit deiner Gesundheit ist Aufregung schädlich.
— Ich verklage dich!
Ich gehe zur Polizei!
— Geh nur.
Die Vollmacht ist echt.
Alles ist gesetzlich abgesichert.
Sitz in deiner Wohnung und freu dich.
Das wolltest du doch, oder?
Den Sohn hast du hinausgejagt, jetzt bist du Königin.
Leb damit.
Dann kamen wieder nur die Freizeichen.
Tamara Pawlowna ließ das Telefon fallen.
Es schlug auf das Parkett und rutschte unter das Sofa.
Sie blieb auf dem Boden sitzen.
Allein.
In einer fremden Zweizimmerwohnung, die sie ihrem eigenen Sohn abgerungen hatte.
Das zweite Zimmer, eben jenes nie zustande gekommene Kinderzimmer, lag hinter einer geschlossenen Tür.
Doch Tamara spürte, wie von dort Kälte ausging.
Sie hatte bekommen, was sie wollte.
Sie hatte alle besiegt.
— Schweine … — flüsterte sie in die Leere, doch in ihrer Stimme lag keine Kraft mehr.
— Alles Schweine …
Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht.
Die Angst, klebrig und kalt, umhüllte ihr Herz.
Sie begriff, dass ihre Schwester sie hereingelegt hatte.
Ljudka hatte sie absichtlich gegen Maxim aufgehetzt, sie absichtlich in die Stadt gelockt, um sich das Haus und das Land im Dorf unter den Nagel zu reißen.
Das Land dort war inzwischen teuer …
Tamara Pawlowna vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu heulen.
Sie weinte nicht, sie heulte wirklich, wie ein geprügelter Hund.
Und irgendwo am anderen Ende der Stadt hing Maxim in einer kleinen gemütlichen Zweizimmer-Chruschtschow-Wohnung ein Regal an die Wand, während Nina im Nebenzimmer winzige Strampler in die Schubladen legte.
Dort war eine Familie.
Eine Familie, in der für Tamara Pawlowna kein Platz mehr war.
Und darin lag eine höhere Gerechtigkeit, die sie mit all ihrer Gier und Bosheit nie hatte begreifen können.