Teil 1. Wohnzimmer. Besatzung**
Der Schlüssel drehte sich nur mühsam im Schloss, als würde sich der Mechanismus dagegen wehren, die Besitzerin hereinzulassen.
Inga, erschöpft nach einer Zwölfstundenschicht, träumte nur noch von einer Dusche und von Ruhe.
Sie arbeitete als industrielle Arboristin — sie pflegte uralte Bäume und entfernte gefährliche Äste in schwindelerregender Höhe.
Ihr Körper vibrierte vor Anspannung, auf ihrer Jacke klebten Harzflecken, und in ihren Haaren hatten sich kleine Holzspäne verfangen.
Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, da schlug ihr der schwere, süßliche Duft von Maiglöckchen entgegen.
Es war der Geruch fremder Anwesenheit.
Im Flur, in dem sonst stets perfekte Ordnung herrschte, standen schwere Koffer, mit Wäscheleine verschnürt, und ausgelatschte fremde Schuhe.
Aus der Küche drangen das Klappern von Löffeln und lautes, unverschämtes Gelächter.
Inga ging ins Wohnzimmer.
Auf ihrem Lieblingssofa, das nun mit irgendeiner bunten gestrickten Decke bedeckt war, thronte Jelena Petrowna, ihre Schwiegermutter.
Neben ihr hatte sich mit hochgezogenen Beinen im Sessel die Tante ihres Mannes niedergelassen, Raissa, eine Frau mit einem Gesicht, das dem Universum gegenüber ständig Vorwürfe zu hegen schien.
— Oh, da ist sie ja, — warf Raissa ihr statt einer Begrüßung hin, während sie ein Stück Kuchen abbiss.
— Wir trinken hier Tee.
Schorsch hat gesagt, du kommst spät.
Inga nahm langsam den schweren Rucksack mit ihrer Ausrüstung von den Schultern.

In ihr begann eine dunkle, kalte Welle zu kochen.
— Wer hat Ihnen das Recht gegeben, Ihre Verwandtschaft in mein Haus zu bringen? — fragte die Schwiegertochter die zufriedene Schwiegermutter.
Jelena Petrowna verdrehte theatralisch die Augen und nahm einen Schluck aus der Tasse — aus Ingas Lieblingstasse aus feinem Porzellan, die sie von einer Dienstreise mitgebracht hatte.
— Deine Giftigkeit, Liebes, ist unangebracht, — antwortete die Schwiegermutter und schüttelte dabei Krümel direkt auf den Teppich.
— Georgij ist der Herr in diesem Haus.
Und die Mutter des Herrn ist heilig.
Raissa muss sich in einer Klinik untersuchen lassen, und in meiner Wohnung wird renoviert.
Schora hat uns eingeladen, bei euch zu wohnen.
Drei Monate höchstens.
— Wohnen? — Ingas Stimme wurde dumpf.
— In meiner Wohnung?
Ohne mich zu fragen?
In der Tür erschien Georgij.
Er trug einen Hausmantel, den er sich von seiner letzten Prämie gekauft hatte, und sah aus wie ein Pascha in einem kleinen Harem.
Er arbeitete als Kurator sensorischer Ausstellungen — irgendeines gerade angesagten Unsinns, bei dem Menschen im Dunkeln seltsame Gerüche schnupperten und unverständliche Gegenstände betasteten.
— Inga, fang jetzt nicht an, — verzog der Mann das Gesicht.
— Mama und Tante Raja sind Familie.
Du bist mit deinen Bäumen immer beschäftigt und völlig verwildert.
Sieh dich doch an: Sägespäne, Schmutz.
Und hier — Gemütlichkeit, Kuchen.
— Gemütlichkeit? — wiederholte Inga und sah auf den Teefleck auf dem hellen Teppichboden.
— Du solltest dankbar sein, — mischte sich Tante Raissa ein.
— Wir bringen deinen Haushalt in Ordnung.
Dein Kühlschrank ist leer, nur irgendwelche Behälter mit Grünzeug.
Eine Frau soll das Heim hüten und nicht wie ein Affe auf Ästen herumklettern.
Georgij ging zu seiner Mutter und küsste sie auf den Scheitel.
— Nehmt keine Notiz, Maman.
Inga ist einfach müde.
Sie geht jetzt duschen, beruhigt sich und deckt uns dann ein ordentliches Abendessen.
Die Kuchen waren nur zum Warmwerden.
Inga sah sie an und spürte, wie der Zorn, dicht und schwer wie ein Eichenstamm, ihren Brustkorb sprengte.
Sie waren nicht einfach nur gekommen.
Sie markierten wie Tiere ihr Revier.
— Ich werde kein Abendessen auftragen, — sagte sie leise.
— Ich will, dass Sie die Koffer wegräumen und meine Wohnung verlassen.
— Hört euch das an! — schlug die Schwiegermutter die Hände zusammen.
— Schora, hörst du das?
Sie wirft mich raus!
Deine Mutter, die dich großgezogen hat!
Georgij drehte sich scharf zu seiner Frau um.
Sein Gesicht, sonst geschniegelt und weich, verzerrte sich vor Abscheu.
— Halt den Mund, Inga.
Du bist hier nicht allein.
Wenn dir etwas nicht passt — kannst du in deiner Garage bei deinen Sägen und Helmen übernachten.
Aber meine Gäste bleiben.
Demonstrativ drehte er sich weg und schaltete laut den Fernseher ein.
Inga stand mitten im Zimmer und umklammerte in ihrer Jackentasche ein Bündel Karabiner.
Sie wollte schreien, doch sie begriff: Einen Schrei würden sie als Schwäche ansehen.
Hier brauchte es etwas anderes.
Etwas Ursprüngliches.
**Teil 2. Galerie für konzeptuelle Kunst „Äther“**
Am nächsten Tag beschloss Inga, ihren Mann bei der Arbeit aufzusuchen.
Die Galerie „Äther“ befand sich in einem halben Kellergeschoss im Stadtzentrum.
Hier herrschte Halbdunkel, und es roch nach Ozon und verbranntem Gummi.
An den Wänden hingen Stücke rostigen Eisens, vermischt mit Nylonstrumpfhosen — die nächste „geniale“ Installation.
Georgij stand inmitten eines Kreises begeisterter junger Frauen mit Gläsern voller Schaumwein.
Er schwadronierte über die „Taktilität des Seins“ und die „olfaktorische Katharsis“.
Als er seine Frau sah, die diesmal Jeans und einen Pullover trug, runzelte er die Stirn, zog aber sofort wieder sein pflichtschuldiges Lächeln auf.
— Kollegen, das ist meine Ehefrau.
Weit entfernt von der Kunst, bevorzugt sie die grobe physische Realität, — stellte er sie mit leichtem Spott vor.
Inga zog ihn beiseite, zu einer Installation aus gebogenen Rohren.
— Georgij, wir müssen reden.
Ernsthaft.
Deine Mutter und ihre Schwester haben die Möbel im Schlafzimmer umgestellt.
Sie haben meine Zeichnungen weggeworfen.
— Du schon wieder, — schnalzte Georgij genervt mit der Zunge.
— Sie schaffen Ordnung.
Deine Zettel lagen überall herum.
Das ist Müll.
— Das waren Befestigungsskizzen für einen Auftrag im Park.
Das ist meine Arbeit, Georgij.
— Deine Arbeit ist ein Missverständnis, — zischte er und trat ganz nah an sie heran.
Er roch nach teurem Parfüm und Überheblichkeit.
— Weißt du, warum sie hier sind?
Weil ich die Wohnung meiner Mutter vermiete.
Ich brauche Geld.
Diese Galerie erfordert Investitionen, Status kostet.
Dein Gehalt reicht nur für Essen und Nebenkosten, aber ich bin für Größeres bestimmt.
— Du vermietest die Wohnung deiner Mutter und nimmst das Geld für dich?
Und sie wohnen bei mir, auf meine Kosten? — Inga spürte, wie in ihr eine weitere Saite der Geduld riss.
— Wir sind eine Familie, wir haben ein gemeinsames Budget, — erklärte er frech.
— Und ja, Tante Raissa hat auch ihren Teil beigetragen.
Sie hat ihr kleines Haus im Dorf verkauft und mir das Geld zur Verwaltung übergeben.
Also zeig Respekt.
Du bist nur ein Anhängsel meines Talents.
— Ich ernähre dich seit drei Jahren, Georgij.
Deine Ausstellungen machen Verlust.
— Das sind Investitionen in die Zukunft! — erhob er die Stimme und zog Aufmerksamkeit auf sich.
— Du mit deinem primitiven Holzfällerdenken wirst das nie begreifen.
Und merk dir: Wenn du noch einmal den Mund gegen meine Verwandtschaft aufmachst, sorge ich dafür, dass du es bereust.
Ich habe Verbindungen in bohemischen Kreisen, ich ruiniere dir deinen Ruf so sehr, dass kein anständiger Auftraggeber mehr zu dir kommt.
Ich werde sagen, du bist psychisch instabil.
Eine Psychopathin mit Motorsäge.
Wie gefällt dir diese Performance?
Er grinste, überzeugt von seiner Straflosigkeit.
In seiner Welt aus Worten und Intrigen bedeuteten körperliche Kraft und ehrliche Arbeit gar nichts.
Er hielt Inga für ein schlichtes „Arbeitspferd“, das kurz Krach macht und sich dann fügt.
Inga sah ihn an, als würde sie zum ersten Mal Schimmel auf Brot entdecken.
Angst war nicht da.
Da war Erkenntnis: Dieser Mensch war ein Parasit.
Und mit Parasiten reden Arboristen nicht lange.
Sie schneiden sie heraus.
**Teil 3. Datschasiedlung „Silberwald“**
Als Inga begriff, dass sie zu Hause die Hölle erwartete, fuhr sie am freien Tag zur Datscha — ein altes Haus mit großem Grundstück, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Es war ihr Ort der Kraft.
Dort wuchsen Eichen, die sie noch als Kind kannten.
Als sie sich dem Tor näherte, sah sie ein fremdes Auto.
Ein schmutziggrauer Geländewagen stand direkt auf ihrem Rasen und drückte die Hortensienbüsche nieder.
Auf dem Grundstück hantierte ein unbekannter Mann mit einem Maßband, und neben ihm lief Tante Raissa herum und fuchtelte mit den Armen.
— Hier stellen wir einen Pavillon hin, und diese Stöcke sägen wir als Brennholz ab, — kommandierte sie und zeigte auf eine seltene Wacholdersorte, die Inga fünf Jahre lang aufgepäppelt hatte.
Inga stieg aus dem Auto.
Die Tür knallte zu.
— Was geschieht hier? — ihre Stimme klang tief und bedrohlich.
Raissa drehte sich um, ohne sich im Geringsten zu schämen.
— Ach, da bist du ja.
Wir machen hier die Planung.
Schorsch hat gesagt, dass die Datscha jetzt unser Sommersitz wird.
Ich brauche frische Luft.
Und dieses Gestrüpp von dir — eine einzige Schande.
Witalik, — nickte sie dem Mann zu, — das ist die Schwiegertochter, achte nicht auf sie.
Hier ist genug Platz, wir bauen noch eine Banja.
Aus dem Gartentor des Nachbargrundstücks schaute Onkel Kolja heraus, der Nachbar.
Er war ein ehemaliger Militär, ein Mann mit strengen Prinzipien.
Er zwinkerte Inga zu.
— Inga, mein Täubchen, ich dachte schon, du hättest das Grundstück an dieses Lager verkauft.
Die laufen hier seit dem Morgen herum und markieren Bäume mit roter Farbe.
Sagen, die sollen gefällt werden.
Inga sah auf den Stamm ihrer Lieblingseiche.
Auf der Rinde leuchtete ein fettes rotes Kreuz.
Diese Leute waren nicht einfach in ihr Leben eingedrungen, sie wollten alles zerstören, was sie liebte.
— Verschwindet, — sagte Inga.
— Was? — stemmte Raissa die Hände in die Hüften.
— Wie redest du mit Älteren?
Wir sind hier im Recht.
Schora bereitet schon die Unterlagen zur Umschreibung eines Anteils vor.
Er sagt, die Frau müsse teilen.
Wenn du nicht gehorchst, zieht er dich völlig aus.
Er ist ein schlauer, listiger Mann.
Und du bist nur eine Dumme mit einer Säge.
Inga trat ganz nah an Raissa heran.
Sie war einen Kopf größer als die Tante, ihre an schwere Arbeit gewöhnten Schultern waren breit und kräftig.
— Ich sagte: Runter von meinem Land.
Sofort.
— Witalik, kümmer dich darum! — kreischte Raissa.
Der Typ, irgendein entfernter Verwandter der Tante, machte einen Schritt auf Inga zu.
— Hör mal, Frau, mach keinen Aufstand …
Inga wartete nicht.
Ihre Reflexe waren schneller als der Gedanke.
Sie packte seine Hand, die sich nach ihrer Schulter ausstreckte, und verdrehte sie mit der Kraft, die man bei der Arbeit mit schwerem Werkzeug bekommt, nach hinten.
Witalik heulte auf und krümmte sich.
Sie stieß ihn in Richtung Tor, sodass er gegen den Zaun krachte.
— Ins Auto, — knurrte sie und sah die erbleichte Raissa an.
— Beide.
Und wagt euch nie wieder hierher.
Raissa wich zurück und murmelte Flüche.
— Dafür wirst du bezahlen!
Schora wird dir schon zeigen!
Er lässt dich in die Psychiatrie einweisen, Verrückte!
Als sich der Staub ihres Autos gelegt hatte, ging Inga zu der Eiche und legte die Stirn an die raue Rinde.
Der Zorn in ihr war nicht mehr heiß.
Er hatte sich kristallisiert und war zu einer eisigen, scharfen Klinge geworden.
Keine Gespräche mehr.
**Teil 4. Steinwerkstatt „Granit“**
Das Donnern des Bohrhammers übertönte die Gedanken.
Hier, zwischen Steinplatten und Statuen, arbeitete Gleb, Ingas älterer Bruder.
Und hier saß auch Marina — Georgijs leibliche Schwester — auf einem alten Ledersofa in der Ecke.
Marina war das „schwarze Schaf“ ihrer Familie.
Sie arbeitete als Tätowiererin, trug Piercings und hasste die Heuchelei ihrer Mutter und ihres Bruders.
Gleb schaltete die Maschine aus und wischte sich die Hände an einem Lappen ab.
— Also sind sie jetzt schon bis zur Datscha vorgedrungen, — stellte er fest, nachdem er der Geschichte seiner Schwester zugehört hatte.
— Inga, ich komme einfach vorbei und werfe sie mitsamt ihren Sachen die Treppe runter.
— Nein, — Inga saß auf einer Werkzeugkiste und drehte einen schweren Schraubenschlüssel in den Händen.
— Wenn du dich einmischst, erstatten sie Anzeige.
Darauf warten sie nur.
Georgij hat mir gedroht.
Er sagte, er würde mich als unzurechnungsfähig hinstellen.
Marina zog an ihrer Vape und blies eine Wolke Dampf aus.
— Er blufft nicht, Inga.
Ich habe ihr Telefongespräch gehört.
Mutter hat sich mit irgendeiner Freundin abgesprochen, einer Ärztin.
Sie wollen dich vor Zeugen zu einem hysterischen Ausbruch provozieren, den Notarzt rufen und einen „Aggressionsanfall“ dokumentieren lassen.
Dann kann Schora eine Vormundschaft oder so etwas beantragen, um über dein Eigentum zu verfügen.
Sie wollen deine Wohnungen und dein Land.
Schorka steckt bis zum Hals in Schulden, er hat sich an einer Luftnummer die Finger verbrannt und ist jetzt pleite.
— Ach, so ist das also, — grinste Inga.
Ihr Grinsen war beängstigend.
— Er hat beschlossen, mich zu verkaufen, um seine eigene Haut zu retten.
— Heute Abend veranstalten sie ein „Dinner“, — fuhr Marina fort.
— Sie haben irgendwelche wichtigen Leute eingeladen, Investoren.
Sie werden die ideale Familie spielen, und dich stellen sie als kranke Verwandte dar, die sie großzügig ertragen.
Sie wollen dich öffentlich demütigen, um dich endgültig zu brechen.
— Brechen? — Gleb ballte eine Faust, die einem Vorschlaghammer ähnelte.
Inga stand auf.
Ihre Augen brannten in kaltem, bösem Feuer.
— Niemand schlägt jemanden, Gleb.
Noch nicht.
Ich fahre hin.
— Bist du verrückt geworden?
Da sind haufenweise Leute, — rief Marina aus.
— Sollen sie ruhig denken, dass sie gewonnen haben.
Wut ist Treibstoff, Marina.
Und ich habe den Tank bis zum Rand gefüllt.
Ich werde sie nicht einfach nur hinauswerfen.
Ich werde ihre Welt zerstören.
Ich habe einen Plan, aber ich brauche deine Hilfe, Gleb.
Und deine, Marina.
— Was sollen wir tun? — fragte der Bruder.
— Ich will, dass um acht Uhr abends, wenn sie sich an den Tisch setzen, die Türen der Wohnung … verschwinden.
Gleb hob überrascht die Augenbrauen und brach dann in Gelächter aus.
— Verstanden.
Wird gemacht.
**Teil 5. Die Wohnung. Epizentrum des Sturms**
Im Wohnzimmer brannte helles Licht.
Der Tisch bog sich unter Speisen, die von dem Geld gekauft worden waren, das Inga für eine neue Versicherung zurückgelegt hatte.
Am Kopfende saß Georgij in einem schneeweißen Hemd, neben ihm Jelena Petrowna mit Perlen, Raissa und noch drei unbekannte Männer und zwei Frauen — eben jene „Investoren“ und „nützlichen Leute“.
Inga betrat die Wohnung leise.
Sie hatte ihre Arbeitskleidung gewechselt, aber nicht gegen ein Kleid.
Sie trug einen schwarzen Overall aus festem Stoff, schwere Stiefel mit Stahlkappen und fingerlose Lederhandschuhe.
Die Haare hatte sie fest zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Die Gespräche am Tisch verstummten.
— Oh, da ist ja unsere … Leidende, — sagte Georgij mit gespielt mitfühlender Stimme.
— Meine Damen und Herren, ich bitte um Entschuldigung, meine Frau kleidet sich manchmal etwas merkwürdig.
Folgen schwerer Arbeit und … der Nerven.
Jelena Petrowna presste die Lippen zusammen.
— Komm herein, Kindchen, setz dich in die Ecke.
Wir haben dir Suppe übrig gelassen.
Stör die Erwachsenen nicht beim Reden.
Inga trat an den Tisch.
Sie setzte sich nicht.
Sie blieb direkt gegenüber ihrem Mann stehen.
— Steh auf, — sagte sie.
Ihre Stimme zitterte nicht, sie klang wie Metall.
— Inga, mach keine Szene, — spannte sich Georgij an.
— Du blamierst mich.
— Ich sagte: Steh auf! — bellte sie so laut.
Georgij sprang auf, und rote Flecken zogen über sein Gesicht.
— Du bist krank!
Mama, ruf den Arzt!
Sie stürzt sich gleich auf uns!
— Ja, ich stürze mich, — flüsterte Inga und griff mit einer Bewegung über den Tisch nach der Tischdecke mitsamt allem darauf.
Ein scharfer Ruck — und Salate, Braten, Wein und das teure Geschirr flogen auf den Boden, auf die Knie der Gäste, auf Georgijs schneeweiße Hose.
— Was machst du da?! — kreischte Raissa.
Die Gäste sprangen auf und schüttelten sich ab.
Inga schaute sie nicht an.
Sie ging um den Tisch herum und näherte sich ihrem Mann.
Der wich zurück.
— Komm nicht näher!
Ich rufe die Polizei!
Inga packte ihn am Kragen seines Hemdes.
Der Stoff riss.
Sie war stärker als er — Jahre des Baumkletterns und der Arbeit mit Sägen und Seilen hatten ihre Hände aus Eisen gemacht.
— Du wolltest Geld?
Du wolltest Macht über mich? — sie schüttelte ihn wie eine Stoffpuppe.
Georgij versuchte, nach ihr zu schlagen, aber Inga fing seinen Arm ab und verdrehte ihn.
Er heulte vor Schmerz auf und fiel auf die Knie.
— Du bist ein Nichts, Schora.
Du bist ein Feigling, der sich hinter dem Rock seiner Mutter versteckt, — sprach Inga laut, beinahe schrie sie, und in ihrem Schrei lag so viel aufgestauter Schmerz und so viel Wut, dass sich die Schwiegermutter an die Wand presste.
— Du hast diese Geier in mein Haus gebracht.
Du hast mein Leben verkauft.
Sie riss ihm das Hemd auf der Brust auf.
Knöpfe sprangen in alle Richtungen.
— Raus! — schrie sie.
— Alle raus!
— Sie ist verrückt!
Haltet sie fest! — kreischte Jelena Petrowna, doch die Gäste, die den wahnsinnigen Ausdruck und die Kraft in den Augen der Hausherrin sahen, drängten sich bereits zum Ausgang.
Georgij versuchte aufzustehen, aber Inga trat ihn wieder zu Boden.
Sie hatte keine Angst.
Sie packte ihn an den teuren Klamotten und schleifte ihn über den Boden zur Tür.
Er krallte sich in den Teppich und wimmerte mit erniedrigend dünner Stimme.
— Mama, hilf mir! — schrie er.
Aber die „liebevolle“ Maman war schon auf das Treppenpodest hinausgesprungen, um ihren Nerzumhang zu retten.
Inga warf ihren halbnackten, mit Salat beschmierten Mann buchstäblich auf den Hausflur hinaus.
Hinterher flogen Raissas Koffer und die Taschen der Schwiegermutter.
— Inga!
Verzeih!
Wir gehen ja!
Lass mich nur etwas anziehen! — winselte Georgij und bedeckte seinen nackten Oberkörper mit dem zerrissenen Hemd.
Und in diesem Moment geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Auf dem Treppenabsatz erschien Gleb mit einer Flex in der Hand.
Neben ihm stand der finstere Nachbar Onkel Kolja und noch ein paar kräftige Kerle.
Und hinter ihnen — eine Gruppe von Menschen mit sehr eigenwilligem Aussehen, mit Taschen und Kindern.
— Was geht hier vor? — stammelte die Schwiegermutter.
Inga trat auf die Schwelle.
Sie atmete schwer, ihre Hände zitterten, aber nicht vor Angst, sondern vor Adrenalin.
— Nichts Besonderes, — sagte sie und wischte sich die Hände ab.
— Georgij, du wolltest an Immobilien verdienen?
Ich habe dir geholfen.
Sie zeigte auf die Gruppe hinter Glebs Rücken.
— Darf ich vorstellen.
Das sind die neuen Besitzer dieser Wohnung.
Ich habe sie heute Morgen verkauft.
Und da die Wohnung mein voreheliches Eigentum war, brauchte ich dafür deine Zustimmung nicht.
— Was?! — Georgij wurde kreidebleich.
— Und wo sollen wir jetzt wohnen?!
Wir haben doch Mamas Wohnung vermietet!
— Das ist euer Problem, — grinste Inga.
— Übrigens, Gleb …
Der Bruder schaltete die Flex ein.
— Die Tür, — sagte er kurz.
— Die neuen Eigentümer wollen ihre eigene einsetzen.
Und zwar sofort.
Unter dem Kreischen des Werkzeugs begannen die Männer, die Eingangstür auszubauen.
— Die neuen Bewohner sind übrigens eine sehr einträchtige, musikalische und kinderreiche Familie, — fügte Inga hinzu und sah ihrem besiegten Mann in die Augen.
— Sie haben versprochen, euch zumindest nicht aus dem Hausflur zu jagen … fünf Minuten lang.
Georgij saß auf dem schmutzigen Beton in zerrissenen Lumpen, umringt von seinen erschrockenen „Mütterchen“.
Er sah, wie fremde Menschen in seinen ehemaligen „Tempel der Gemütlichkeit“ einzogen, Matratzen hereinschleppten und Kinder durch den Flur rannten.
Er begriff, dass sein Leben, seine Pläne, seine Überheblichkeit — alles zusammengebrochen war.
Man hatte ihn nicht einfach hinausgeworfen.
Man hatte ihm Würde, Dach und Zukunft genommen und ihn zum Gespött der Nachbarn gemacht.
Inga stieg über die Beine ihrer Schwiegermutter hinweg, nahm ihrem Bruder die Autoschlüssel ab und ging die Treppe hinunter, ohne sich umzudrehen.
Sie fühlte sich leer, aber vollkommen frei.